Predigt Heiligabend 2018

von Dekanin Christiane Vogel

Liebe Gemeinde!

Viele freundliche Menschen haben mir zu Weihnachten geschrieben und mir ein „besinnliches“ Weihnachtsfest gewünscht.
Ich habe mich gefragt:
Was meinen die Menschen eigentlich damit,
wenn sie mir das wünschen?
Ich vermute es so:
Sie denken, ich solle mich mitten im Alltag auch mal hinsetzen und eine Kerze anzünden und mich besinnen.
Worauf soll ich mich denn besinnen?
Vielleicht auf mein Leben?
Oder auf Gott?
Oder auf meine Pflichten?
Oder auf meine Fehler?
Dann säße ich zu Ostern immer noch da.
Während ich mir noch überlege, was wohl ein besinnliches Weihnachtsfest ist, stelle ich zerknirscht fest:
Es wird mir jedes Jahr gewünscht.
Aber ich hatte noch nie eins.
Ich habe aber auch sonst noch nie jemanden getroffen, der eines hatte.
Nicht nur wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind in den Wochen schon vor Weihnachten besonders gefordert.
Auch in allen anderen Berufen ging es in diesen Tagen wenig besinnlich zu.
Die Jahresabschlüsse mussten gemacht werden,
viele Dinge sollten noch in diesem Jahr „vom Tisch“, wie man so sagt.
Die Schülerinnen und Schüler schrieben noch bis Ende letzter Woche ihre Klausuren,
und dann fällt einem doch immer noch jemand ein, für den man noch ein kleines Geschenk besorgen wollte.
Ich bin also zerknirscht über meine mangelnde Besinnlichkeit und beschließe, mich zu bessern.
Ich setze mich hin, zünde eine Kerze an, stelle das Telefon ab, greife zur Bibel und schlage andächtig die Weihnachtsgeschichte auf.
Aber was muss ich da entdecken?
Die allererste Weihnachtszeit selbst war ja überhaupt nicht „besinnlich“.
Ich lese: „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa aus Nazareth in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem“.
Das steht so einfach da. Und ich stelle es mir vor.
Die hochschwangere Maria war mehrere Tage lang auf dem Esel von Nazareth unterwegs nach Bethlehem.
Der Esel war zwar vielleicht ein zuverlässigeres Verkehrsmittel als die Hochrheinbahn,
Aber gerüttelt und geschaukelt hat das vermutlich schon auch.
Das fand Maria in ihrem Zustand gewiss nicht sehr besinnlich.
Und dann: Überall Leute.
Die Straßen und Geschäfte und Gasthäuser in Bethlehem waren überfüllt. Durchaus auch mit Grenzgängern aus dem Nachbarland, denn es ging ja um die Steuern.
Das war Stress pur.
Esel reihte sich an Esel auf den Zufahrtswegen ins Städtchen.
Man fand kaum einen Platz, den Esel abzustellen.
In den Gasthäusern wurde geschuftet.
Da hat es gedampft in den Küchen, bis jeder satt war und einen Platz zum Schlafen gefunden hatte und alle Esel mit Heu und Wasser versorgt waren.
Und abends, wenn man dann beim Bierchen zusammensaß, da ging es wahrlich auch nicht besinnlich zu.
Was hat man da diskutiert?
Über Gott? Über den Sinn des Lebens?
Ach, weit gefehlt!
Die Steuerpolitik der Regierung war das Thema!
Die immer größer werdende Bürokratie mit dieser vom Kaiser Augustus verordneten Volkszählung!
Vielleicht sprach man auch darüber, wie es sein kann, dass ein einzelner Mensch wie der Kaiser Augustus eigenmächtig Entscheidungen treffen darf, die die Welt durcheinanderwirbeln.
Auch das war vielleicht Thema, wie viele Silberstücke jemand sein Eigen nennen darf, wenn er sich zur Mittelschicht zählt.
Besinnlich? Kein Stück!
Aber, so denke ich mir, während ich da so beim Kerzenschein sitze, gewiss war doch wenigstens das heilige Elternpaar besinnlich.
Ich lese also weiter.
„Und als sie da waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“
Ich versuche, mir auch das vorzustellen.
Maria und Josef hatten ihre Notunterkunft im Stall gerade bezogen und waren todmüde im Stroh eingeschlafen, da weckt Maria ihren Allerliebsten:
„Du, Josef, ich glaube, es geht los!“
Auch das noch!
Meinen Sie, Josef hat sich da sehr „besinnlich“ gefühlt?
So als Geburtshelfer?
Und Maria?
Ich habe zwar selbst nie ein Kind geboren, aber nach allem, was ich darüber weiß, ist das für eine Frau nicht gerade ein sehr besinnlicher Moment.

Und jetzt?
Da sitze ich nun mit meiner Kerze und meiner Bibel.
Und ich besinne mich darauf, dass die Weihnachtszeit überhaupt nicht besinnlich ist.
Und da merke ich etwas Wichtiges:
Genau das ist das Große an Weihnachten.
Dass Gott zu uns kommt, mitten hinein in unseren Alltag, mitten hinein in allen Umtrieb, mitten hinein ins Leben, wie es ist!
Mitten hinein in den Trubel, in die Geschäftigkeit, mitten hinein in die Alltagsarbeit wie kurz darauf bei den Hirten.
Manche meinen es doch eher so:
Hier ist unser Leben, wie es ist.
Hier geht die Post ab.
Hier sind Glück und Trauer, Freud und Leid, Sorgen und Zuversicht, Stress und Alltag.
Das ist das reale Leben.
Und da, auf der anderen Seite, da ist diese goldige romantische Welt von Weihnachten, die Idylle vom Stall, von Schafen und Hirten und Engeln, wie nett.
Deshalb meinten bei einer Umfrage viele Leute, die Weihnachtsgeschichte stehe bei den Gebrüdern Grimm.
Die Wahrheit aber ist:
Gott kommt gerade nicht in eine Märchenwelt.
Er kommt in die Welt, wie sie wirklich ist.
Er kommt in unser Leben, so wie es wirklich ist.
Er kommt, allein weil er es so will.
Weil er weiß, wie nötig wir seine Nähe brauchen.
Weil er weiß, wie angeschmiert und betrogen die Welt ist, wenn sie sich allein der menschlichen Vernunft oder eher Unvernunft ausliefert.
Wenn wir das entdecken, werden wir zwar vermutlich nicht besinnlicher werden.
Aber wir werden vielleicht wieder damit beginnen, gerade in unserem Alltag mit Gott zu rechnen.
Wir werden für das Gute in unserem Leben dankbar sein.
Wir werden die Sorgen ihm sagen.
Wir werden uns von ihm das Gewissen schärfen lassen, wenn wir auf unguten Wegen sind.
Und wir werden darauf vertrauen, dass nicht irgendwelche Menschen das letzte Wort über die Welt sprechen werden.
Das wünsche ich Ihnen zu Weihnachten. Denn wer in seinem Leben und auch für die Welt einfach damit rechnet, dass Gott da ist und dabei ist, der wird viel freier und heiterer und gelassener.
Menschen, die für ihr Leben und für die Welt mit Gott rechnen haben wir nie genug.
Ich hoffe, auch Sie gehören dazu.
Amen