Die Evangelischen am Hochrhein

Quelle: Foto: Ernst Ostertag, Jestetten
Bergkirche (Link auf Seite)

Wenn man nach der Geschichte der Evangelischen im Kirchenbezirk Hochrhein fragt, muss von drei Epochen gesprochen werden.

Da ist einmal die Reformationszeit. Wie in vielen Teilen Deutschlands bewegten die neuen Gedanken auch die Menschen entlang des Rheins zwischen Basel und Schaffhausen. Die räumliche Nähe zu den Reformatoren in Zürich und Basel ließ die Unzufriedenheit mit den kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten in öffentlichen Protest umschlagen. Im Wutachtal und im Klettgau sowie in Waldshut scharten sich Bauern und Bürger zusammen, um ihre Forderungen mit Gewalt durchzusetzen. Aus den Schwarzwalddörfern unseres Kirchenbezirks sind Nachrichten über die Reformation spärlicher. Mit dem Sieg der Fürsten über die Bauern in der Schlacht bei Grießen und der Unterwerfung von Waldshut verschwinden die Spuren der Protestanten im heutigen Kirchenbezirk Hochrhein für fast 300 Jahre. Nur Kadelburg machte eine Ausnahme. Durch die enge Bindung an Zurzach - Kadelburg gehörte zur Pfarrei Zurzach, das Chorherrenstift Zurzach besaß die Niedergerichtsherrschaft und viele weitere Rechte - konnte sich Kadelburg frei für die Reformation entscheiden. Die Kirchengemeinde Kadelburg ist so die älteste evangelische Gemeinde im Kirchenbezirk.

Für alle anderen Orte übernahmen die katholischen Landesherren wieder das Regiment und der Augsburger Religionsfrieden von 1555 bestimmte, dass alle Untertanen die Konfession des jeweiligen Landesherren haben mussten. So blieben das nördliche Rheinufer bis in den Raum Lörrach, der Klettgau, das Wutachtal, der südliche Hochschwarzwald und der Hotzenwald auch bei wechselnden Herrschaften katholisch.

Die zweite Epoche begann für die Evangelischen gegen Mitte des 19. Jahrhunderts mit der einsetzenden Industrialisierung, dem Bahnbau und der Ausweitung der neuen badischen Verwaltung. Entlang des Hochrheins und an den nördlichen Zuflüssen entstanden langsam erste kleine evangelische Gemeinden. Es waren oft reformierte Industrielle aus der Schweiz, die neue Fabriken am Hochrhein ansiedelten und die Gründung evangelischer Gemeinden anregten sowie Räumlichkeiten und Geld zur Verfügung stellten. Es waren aber auch Facharbeiter aus evangelischen Gegenden, die in den neuen Fabriken Arbeit vor allem im Textilbereich fanden. Wesentlichen Anteil an den Gemeindegründungen hatten evangelische Beamte des Großherzogs von Baden, die hier Z.B. als Amtmänner oder Richter Dienst taten, ebenso wie Ärzte und Apotheker, die an den Hochrhein kamen und von denen viele evangelisch waren. Desgleichen halfen die Nachbarschaft zu Schweizer Gemeinden oder die Verbindungen zu den evangelischen Kirchen im Markgräflerland über die Schwierigkeiten der Anfänge hinweg. - Überall aber waren es im Anfang einzelne evangelische Familien, die den Aufbau und die Versorgung der kleinen Gemeinden selbst finanzierten und oft mit ihrem persönlichen Vermögen für die Aktivitäten der jungen Gemeinden hafteten. Die Landeskirche hielt sich zu Beginn merklich zurück.

Ein dritter Abschnitt beim Ausbau der bestehenden oder der Gründung neuer evangelischer Gemeinden im heutigen Kirchenbezirk Hochrhein begann nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele evangelische Flüchtlinge und Vertriebene Aufnahme am Hochrhein und im Südschwarzwald fanden. Neue Kirchenbauten und Gemeindezentren entstanden. Vorläufig abgeschlossen wurde die Zuwanderung in den 90er Jahren durch die Spätaussiedler, die aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in unsere Gemeinden zuwanderten. Da viele der Russlanddeutschen evangelisch sind, könnten sie eine Bereicherung der bestehenden Gemeinden sein. Es ist aber zu beobachten, dass sich viele von ihnen schwer tun, in unseren Gemeinden eine kirchliche Heimat zu finden, da ihre kirchliche Tradition deutlich anders geprägt ist. Fehlende Arbeitsplätze führen dazu, dass Neuzugezogenen oft weiterziehen und die Gemeinden so einer ständigen Fluktuation unterworfen sind. Das gilt für die so genannten Russlanddeutschen, das galt ebenso für die Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg wie für viele beruflich in unsere Gegend Gekommene. Generationsübergreifende Kerngemeinden konnten sich in vielen unserer Kirchengemeinden so nur schwer bilden.

Unter diesen Umständen ist es besonders wichtig, dass sich die Gemeinden auch gegenseitig wahrnehmen und untereinander austauschen. Auf der Ebene der hauptamtlichen Mitarbeiter gibt es die monatlichen Bezirkskonvente, für unterschiedliche Bereiche der Gemeindearbeit vom Kindergottesdienst bis zur Chorarbeit werden Fortbildungen und Erfahrungsaustausch angeboten. Die weiten Entfernungen (Todtmoos - Jestetten 50 km Luftlinie, ebenso Bad Säckingen - Bonndorf) machen schon diese Kooperation aufwändig. Umso schwieriger ist es für die Ältestenkreise, über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus Kontakt zu den anderen Gemeinden des Bezirks zu knüpfen und ein "Körpergefühl" für den Kirchenbezirk zu entwickeln. Die folgenden Gemeindebeschreibungen sollen dazu beitragen, dass sich die Gemeinden des Kirchenbezirks besser kennen lernen, dass Anregungen zur eigenen Arbeit gewonnen werden können und vielleicht Verbindendes deutlich wird. Es kann bereichernd sein, wenn Gemeinden oder Gemeindekreise sich gegenseitig besuchen. Vielleicht ergibt sich aber auch ein Einblick in die Vielfalt unserer kirchlichen Arbeit und die Verkündigung des Evangeliums.

Da im Kirchenbezirk Hochrhein die Entwicklung der einzelnen Gemeinden von den Anfängen bis heute sehr ähnlich verlief, waren Wiederholungen nicht immer zu vermeiden, sollte doch jede Gemeindebeschreibung für sich allein verständlich und lesbar sein. Trotzdem empfiehlt es sich, bei anderen Gemeinden, besonders bei den früher verbundenen, nachzulesen.

Bei so vielen Gemeinden war eine intensive Archivarbeit durch alle drei Epochen zeitlich leider nicht möglich. So war der Autor auf die Veröffentlichung einzelner Kirchengemeinden wie Festschriften, Zeitungsberichte oder Artikel in den gemeindlichen Mitteilungsblättern angewiesen. Hilfreich waren aber auch in einzelnen Fällen niedergeschriebene Rückblicke ehemaliger Gemeindepfarrer ebenso wie Informationen des Kirchenbezirks.

Die Daten aus einzelnen Gemeinden stimmten mitunter mit den Angaben anderer Gemeinden zum selben Ereignis nicht überein. Deshalb wurden alle Daten mit der Buchveröffentlichung von Hermann Erbacher "Die rechtliche Struktur und Pastoration der Gemeinden von der Reformation bis zur Gegenwart", Hg. Evangelische Landeskirche Baden, 1994, abgeglichen und wo möglich angepasst.

Jede Kirchengemeinde des Bezirks hat das abgeschlossene Manuskript zum Gegenlesen und zur eventuellen Sachkorrektur erhalten. Die Anregungen konnten allesamt nach Abklärung eingearbeitet werden. Den Pfarrämtern wird für die gute Zuarbeit ebenso herzlich gedankt wie den Autorinnen und Autoren für das Verfassen der Beiträge im zweiten Teil dieser Schrift.

Ein herzliches Dankeschön geht an Ernst Ostertag aus Jestetten für die Fertigung der Vorarbeiten zum Druck und an Manfred Franz in Jestetten für das Korrekturlesen. Der ganz besondere Dank gilt Herrn Schuldekan Dr. Hoffmann für seine Mithilfe bei der Materialbeschaffung, für die Vermittlung von Verbindungen zu den Pfarrämtern und Fotografen sowie für die redaktionelle Begleitung. Dank sei dem Bezirkskirchenrat gesagt, der den Auftrag für das Verfassen dieser kleinen Bezirksgeschichte gab.

Karl-Hellmuth Jahnke